Lustvolles Entsetzen
von Dr.phil. Dr.theol. David Berger
Gleich vorab sei es bemerkt: Die folgende Glosse fließt nicht aus der Feder eines fanatischen Christentums- oder Kirchenhassers, auch im kirchenpolitischen Spektrum steht er eher im Ruf „konservativ“ zu sein. Dennoch glauben wir zu einem Phänomen nicht schweigen zu dürfen, das in den letzten Jahren verstärkt um sich greift, weil es letztendlich dazu angetan ist, die Außensicht des Katholizismus mehr zu beschmutzen, als dies ein Hans Küng oder ein Karlheinz Deschner je vermochten. Die Rede ist vom Vulgärtraditionalismus
Bewusst sollte man nicht undifferenziert vom Traditionalismus generell reden, denn es gibt durchaus auch hochgebildete und besonnene „Traditionalisten“, die einfach die klassische Liturgie und die Lehre der Kirche lieben und an manchem leiden, was in den letzten Jahrzehnten in der Kirche schief gegangen ist. Der Papst ist ihnen immer wieder großzügig entgegengekommen, sie haben dies dankbar angenommen und fühlen sich ansonsten dem toleranten und weltoffenen Geist des Abendlandes sowie unserem demokratischen Rechtssystem verpflichtet.
Oberhand gewinnt jedoch in letzter Zeit die Richtung des Vulgär- oder Stammtischtraditionalismus. Nach dem Vorbild fundamentalistisch-protestantischer Sekten in den USA hat sich dieser Traditionalismus längst von den im Kopieshop erstellten „Traktätchen“, die noch vor Jahren unter solch illustren Titeln wie „Saka-Informationen“, „Una Voce Maria“ oder „Einsicht“ die Runde machten, weitgehend verabschiedet. Er hat das Internet für seine Zwecke entdeckt. In der Internetseite „kreuz.net“ findet diese Entwicklung derzeit ihren Höhepunkt. Wie die billigen Turnschuhe, die man unter Markennamen wie Dadidas oder Niker auf türkischen Touristenmärkten kaufen kann, hat die Seite ihr gesamtes Web-Design zunächst von der damit nicht zu verwechselnden, eine solide journalistische Arbeit betreibenden Nachrichtenagentur „kath-net“ geklaut. Alles begann also schon mit einem Verstoß gegen eines der 10. Gebote … Wie die Produktpiraterie in unseren Geschäften keine Chance hat und sich deshalb am Rande Europas abspielt, so hat sich diese Seite wohlweislich sogleich einen Server in den USA und ein Phantasie-Impressum besorgt, um dem deutschen Rechtssystem, das regelmäßige Mitarbeiter der Seite als „Rechtsholocaust“ beschimpfen, geschickt zu entgehen. Auch an Copyrightrechten für Photographien und anderes Textmaterial zeigt man sich wenig interessiert: publiziert wird – meist entsprechend der Aussageabsicht gekürzt und ausgewählt – was ins Konzept passt …
Doch welches Konzept steht hinter kreuz.net? Vielleicht ließe es sich am ehesten mit dem von Thomas Ruster geprägten Diktum „Wie man Katholik, aber nicht Christ sein kann“ umschreiben. Der Dortmunder Professor hat diese Charakterisierung für Julius Langbehns 1890 erschienenes Werk „Der Rembrandtdeutsche“ gewählt, über das er schreibt: „Es enthielt alle die Ressentiments und Vorurteile, die ein halbgebildeter und zutiefst reaktionärer Mensch des ausgehenden 19. Jahrhunderts gegen die modernen Zeiten haben konnte.“ Besonders falle der mit „arisch-rassistischen Vorstellungen angereicherte Naturalismus“ und Antisemitismus in diesem Werk auf.
Kreuz.net scheint nun wie die aktualisierte Neuauflage des Rembrandtdeutschen, wobei dieses Werk des 19. Jahrhunderts gegen das Niveau der Neuauflage noch geradezu anspruchsvoll erscheint. Die Juden und Freimaurer wurden als Feindbilder beibehalten, hinzugekommen sind die (interessanterweise nur männlichen!) Homosexuellen, denen man neben der tridentinischen Messe den meisten Raum der Auseinandersetzung widmet: Dabei schwankt man zwischen der Theorie, dass es sich bei der Formen der Diktatur annehmenden „Homo-Unzucht“ um eine schwere Krankheit, die therapierbar ist, handelt; und jener Vorstellung, die davon ausgeht, dass schon die sexuell gleichgeschlechtliche Veranlagung eine der schwersten Sünden überhaupt darstellt. Dass sich beide Theorien widersprechen, scheint man nicht zu sehen. Einig ist man sich mit einigen Muslim-Extremisten jedoch, dass ein verstärkter Konsum von Schweinefleisch, die moderne Erziehung sowie die Europäische Union die Homosexualität fördern und Aids die gerechte Strafe für ein solches Verhalten darstellt.
Freilich scheinen die Macher der Seite in einer pubertären Art und Weise irgendwie zwischen Faszination und Eckel vor der Sache zu schwanken: das zeigen die Details über Sexualpraktiken, in denen man sich genüsslich verbal suhlt, sowie besonders die zahlreichen Photographien, die von spärlich bekleideten Menschen auf den CSD-Umzügen aufgenommen wurden, und gleich als ganze „Photomeile“ jeden der Homo-Unzuchts-Beiträge der „frommen“ Seite schmücken. Die Kommentare unter den Bildern erinnern an jene von zwei alten Damen, die ihr Picknick am Rande eines FKK-Strandes aufgebaut haben, von dort aus alles ganz genau, ausgestattet mit einem Opernglas, betrachten und jedes Detail mit lustvollem Entsetzen kommentieren. Mit jenem moralischen Entsetzen, das jedem Kundigen von dem stillen Leid spricht, nicht an dem Treiben teilhaben zu dürfen. Die Artikel geben jeweils die Vorlage, auf die dann die Leser im Forum Vorschläge posten dürfen: besonders beliebt ist es dabei immer wieder, Polen und den Iran als Musterländer darzustellen – besonders in letzterem wüsste man, was man am besten mit jenen Menschen der Unzucht (egal welchen Alters) macht: unter dem Jubel der Gläubigen an Baukränen aufhängen …
Spätestens an diesem Punkt wird dann sehr deutlich, dass man Katholizismus und Christentum nicht auseinanderdividieren kann, denn auch mit der katholischen Lehre hat dies alles rein gar nichts mehr zu tun. Die uralte, auf Christus selbst zurückgehende katholische Tradition, dass die Sünde zwar zu hassen, der Sünder aber zu lieben ist, wird hier derb mit Füßen getreten. Auch pastoral ist das Vorgehen der Seite fast schon kriminell zu nennen – zurecht hat der hl. Don Bosco bemerkt, dass man mit einem Tropfen Honig mehr Fliegen fängt als mit einem Fass Essig …
Jeder Insider weiß natürlich, dass diese Seite in keiner Weise authentisch katholische Positionen vertritt, aber es wird eben teilweise so wahrgenommen. Deshalb fragt man sich, warum die katholische Kirche in den deutschsprachigen Ländern sich hier nicht mehr bemüht, einem solchen image-schädlichen Projekt Einhalt zu gebieten. Warum lässt sich ein Mann wie Kardinal Schönborn von dieser Seite ohne Widerspruch als „Abtreibungs- und Homo-Kardinal“ bezeichnen? Natürlich wird man ins Feld führen können, dass mit einer solchen Maßnahme dem ganzen Projekt zuviel Ehre und Aufmerksamkeit zuteil würde, man solle einfach warten, bis es sich totgelaufen hat. Doch dafür scheint es jetzt schon zu spät: magisch zieht es alle ideellen Exhibitionisten des Vulgärtraditionalismus an, die ihre radikalen Äußerungen in anderen Organen nicht mehr veröffentlichen können und hier nun auf ein größeres Publikum hoffen. Schon jetzt argumentiert man einfach mit der Größe der Seite, um ihre Wichtigkeit zu dokumentieren. So schrieb mir ein Pfarrer des Bistums Aachen, den ich auf die Verlinkung von kreuz.net auf einer von ihm mitbetreuten Seite aufmerksam gemacht hatte, mit dem Hinweis, dass dort Leute wie ein „Pater“ Lingen, der Sedisvakantist ist, publiziert: „Unabhängig davon, dass kreuz.net natürlich eher mir dem Image der Bildzeitung kompatibel ist als mit dem der F.A.Z., die Seiten werden gelesen. Und auch ungeachtet von manchen Abseitigkeiten in Berichten und Leserkommentaren, die Verbreitung vieler wichtiger Kritikmomente wird dort ungebremst an den Leser gebracht - auch in vatikanischen Büros, von denen ich weiß, dass in ihnen morgens erst einmal nach dem Öffnen der Fensterschläge bei kreuz.net nachgeschaut wird, was es Neues gibt.“ – Wer die kurialen Mitarbeiter kennt, weiß, dass man dort Humor hat und kann zwar die wohl von kreuz.net bewusst in Umlauf gesetzte Nachricht nicht verifizieren, aber immerhin einschätzen … Die Antwort zeigt aber, dass es Zeit ist zu handeln!
Der Verfasser der Glosse ist habilitierter Theologe, korresp. Professor der Päpstlichen Thomasakademie (Vatikan) und Herausgeber des Internationalen thomistischen Jahrbuchs „Doctor Angelicus“ (www.doctor-angelicus.de)
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Forum:



kreuts.net am 30 Aug 2007 um 1:15 pm
[…] "Vor etwa drei Monaten hat unser Herausgeber, Dr.Dr.David Berger, eine Glosse über den „Vulgärtraditionalismus“ im Organ einer Nachrichtenagentur veröffentlicht. Es war seine Absicht, die Tradition der Kirche gegen Versuche ihres Missbrauchs und ihrer Missdeutung zu verteidigen. Diese Glosse hat im Internet-Bereich zu teilweise heftigen und widerlichen Angriffen gegen seine Ausführungen und sogar gegen seine Person, ja geradezu zu einer Schlammschlacht geführt. In einem weiteren Fall sollte er gerichtlich gezwungen werden, einen Aufsatz eines freien Mitarbeiters aufzunehmen. Das Gericht hat diese Klage erwartungsgemäß abgewiesen und dem Kläger die Kosten des Verfahrens übertragen. Der Vorstand hat, soweit das möglich war, die Vorgänge geprüft und sieht keine Veranlassung, dem Herausgeber das Vertrauen zu entziehen. Im Gegenteil: er bekräftigt sein Vertrauen. Er dankt den treuen Lesern von THEOLOGISCHES und darf erfreut feststellen, dass die Kampagne gegen den Herausgeber lediglich zu einer einzigen Abbestellung geführt hat. Die Unterscheidung der Geister bleibt in der Kirche gefragt. Auch diesem Ziel ist THEOLOGISCHES mit seinem Herausgeber verpflichtet." […]